BEDACHT - das christliche Hochschulmagazin - Ego-Liebe – die richtige Wahl?

Ego-Liebe – die richtige Wahl?

Alexander hilft eigentlich gerne. Bereits in der Schulzeit engagierte er sich in der Dorffeuerwehr. Später im Studium brachte er sich im Jugendzentrum der Stadt ein. Jetzt kommen die Flüchtlinge. Für ihn ist es selbstverständlich, zu helfen. Jedoch fragt er sich, wie er das alles noch neben dem Studium schaffen soll. Ist diese Nächstenliebe in hart umkämpften Zeiten überhaupt möglich? Wie können wir heute uneigennützig lieben, ohne daran zu scheitern?

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Alexander ist nicht der Einzige, der sich fragt, wie er in der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft des 21. Jahrhunderts das Wohl seines Lebens mit dem Wohl der anderen vereinbaren kann. Verschiedene Medien, religiöse Institutionen, Parteien und Verbände stellen immer wieder fest, dass die Solidarität zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Lagern abzunehmen scheint und das soziale Engagement immer weniger aus altruistischen Motiven geschieht. So kursieren in der Forschungs- und Medienlandschaft Schlagwörter wie Egotaktiker, Generation Y, Neo-Biedermeier oder Generation Me, die für ein pragmatisches und ich-orientierten Verhalten stehen, das sich ins Private zurückzieht und Sicherheit sucht (u. a. Hurrelmann, Klaus und Albrecht, Erik 2014: Die heimlichen Revolutionäre). Das Engagement im Verein dient dabei eher dem eigenen Lebenslauf und der Kauf von Bioprodukten der Optimierung der eigenen Gesundheit. Altruismus und Selbstlosigkeit sind  scheinbar „Luxusgüter“, die wir uns nicht mehr leisten wollen.

Ego-Liebe – die Realität der deutschen Konkurrenzgesellschaft

Im Leben der modernen Menschen im 21. Jahrhundert spielt die Ego-Liebe eine immer größere Rolle. In Deutschland und anderen Ländern lässt sich ein Trend zur Individualisierung und Subjektivierung feststellen, der kritisch betrachtet eine negative egoistische Schlagseite aufweist. Immer mehr Menschen leben in Singlehaushalten. Die Haltbarkeit von Beziehungen wird kürzer. Auf gesellschaftlicher Ebene lässt sich wiederum feststellen, dass Kirchen, politische Parteien und andere gesellschaftliche Institutionen an Bedeutung verlieren. Menschen suchen alternativ ihren individuellen Weg. Beispielsweise reduzierte sich zwischen den 1990ern bis Ende 2015 die Zahl der CDU-Mitglieder von ca. 750.000 auf ungefähr 446.00 und der SPD-Mitglieder von ca. 831.000 auf ungefähr 445.000. Die Mitgliederzahlen der evangelischen Kirche sanken im gleichen Zeitraum von ca. 29 Millionen auf ungefähr 22,6 Millionen (2014), die der römisch-katholischen Kirche von ca. 28 Millionen auf ungefähr 23,9 Millionen (2014). Gewerkschaften, Verbände und Vereine registrieren ebenfalls sinkende Mitgliederzahlen (mehr Infos u. a. bpb.de).

Nun könnte man einwenden, dass sich die Menschen im 21. Jahrhundert anders engagieren. Sie brauchen keine Mitgliedschaft in einer Organisation, um ihr Mitgefühl und ihre Liebe zu zeigen. Zum Teil mag das stimmen. Dennoch kommt der Soziologe Wilhelm Heitmeyer aufgrund seiner Studien im Bereich der Konfliktforschung zu dem Schluss, dass in Deutschland die soziale Kälte zunehme (vgl. Heitmeyer u.a. 2011: Deutsche Zustände). Kann man aber den getriebenen Menschen in der immer schneller werdenden Konkurrenzgesellschaft überhaupt vorwerfen, wie sie handeln? Ist es nicht in Ordnung, an sich zu denken, wenn das gesellschaftliche Klima rauer und die Arbeitsbedingungen schwieriger werden?

Eros (ἔρως) und Philia (φιλíα) – können wir nicht anders?

Ich bin davon überzeugt, dass die Liebe der Menschen ohne Gottes Barmherzigkeit immer an ihre Grenzen stoßen wird. Die Begrenzung liegt im Großen und Ganzen am Menschsein. Allmacht und andere Eigenschaften gehören nicht zu seinem Portfolio. Der Homo sapiens ist nicht Gott. Vielmehr kann er meist nur auf bestimmte Art und Weise lieben. Diese Formen lassen sich als eros und philia begrifflich fassen, einer sprachlichen Differenzierung, die sich bereits bei Aristoteles, Platon und anderen in der griechischen Antike findet (siehe u.a. Höffe, Otfried 2005: Aristoteles-Lexikon). Die beiden Worte lassen sich ins Deutsche als Liebe übersetzen, betonen jeweils aber einen spezifischen Aspekt des Begriffes. Allgemein gesagt ist leidenschaftliches, sexuell und ich-orientiertes Handeln eher durch den Begriff eros abgedeckt, Freundschaften, Solidarität und anderes gemeinschaftsorientiertes Verhalten bezeichnet eher die philia. Der Trend zu mehr Individualisierung und Subjektivierung trägt nun dazu bei, dass philia abnimmt und eros an Bedeutung gewinnt. Der Mitgliederschwund und ähnliche gesellschaftliche Phänomene lassen sich unter anderem so erklären: Ich und die eigenen Vorteile stehen immer mehr im Vordergrund. Flüchtlinge und andere Außenseiter (Norbert Elias, Etablierte und Außenseiter) wirken bedrohlich, da sie den eigenen Wohlstand und mehr gefährden. Gesellschaftliches Engagement in politischen und anderen Institutionen könnten helfen, konstruktive Lösungen zu finden, rauben mir aber zu viel Zeit und Kraft, die ich lieber in private Unternehmungen und Kommentare bei Facebook und Co. investiere.
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Nun suchen die meisten Menschen aber nach einer stabilen Identität, die zudem von einem positiven Selbstbild geprägt sein soll. Darum brauchen sie Gründe, ihre Identität zu stabilisieren und ihren Egoismus zu kaschieren. Islamphobie und andere Feindbilder helfen dann in Zeiten der vermehrten Krisen zum Beispiel dabei, ein sicheres und positives Selbstbild zu behalten. Nun geht aber nicht jeder auf die Straße und schreit seine Angst heraus. Nicht wenige äußern sich sogar kritisch dagegen, spenden den einen oder anderen Pulli oder schließen sogar Freundschaften mit Flüchtlingen. Aber  wie wird sich die Situation entwickeln, wenn immer mehr Flüchtlinge kommen? Wird die Bevölkerung in Deutschland wirklich auf ihren Wohlstand verzichten und Nachteile in Kauf nehmen? Oder machen wir in Zukunft wieder die Grenzen dicht und schießen dann auf Flüchtlingskinder

Gott und Menschen „göttlich“ lieben – dank Agape (ἀγάπη)

Deutschland muss nicht bei der Ego-Liebe enden. Stattdessen glaube ich daran, dass Gottes Gnade eine bestimmte, eine göttliche Liebe schenken kann, die nicht auf eigenem Moralismus, eigener religiöser Gesetzlichkeit und Kraft basiert. Eine solche menschliche Liebe wird irgendwann an Grenzen stoßen und möglicherweise in Bitterkeit und Resignation enden. Vielmehr bin ich davon überzeugt, dass Gott eine außergewöhnliche Liebe schenken kann, mit der ich den anderen nicht als Mittel zum Zweck sehen, sondern ihn bedingungslos lieben kann. Diese Liebe nannten die Griechen damals agape. Gott offenbart sich als liebendes Wesen: Er vergibt mir meine Sünden und schenkt mir somit einen Neuanfang. Aus Dankbarkeit, aufgrund seiner fortwährenden Gnade und dem Wissen, dass der andere Mensch - wie ich - ein geliebtes Geschöpf Gottes ist, kann ich immer wieder „göttlich“ lieben.

Agape (ἀγάπη) leben, ohne im Burnout zu enden?

Dieser Glaube gründet nicht auf naiven Träumereien, auf einem alten, eingestaubten Buch, dessen Inhalte verführte Menschen vor über 2000 Jahren geschrieben haben. Vielmehr realisiert er sich im Hier und Jetzt. Viele Christen zeigen ihr Mitgefühl durch gelebte Nächstenliebe, die sich im Begriff der diakonia, der dem Menschen dienenden Liebe, wiederfindet. Agape kann aber noch darüber hinaus wirken. Open Doors und andere Hilfsorganisationen zeigen, wie Christen ihr Leben für andere hingeben und tatsächlich ihren Feinden vergeben können. Wie ist es diesen Menschen dabei aber möglich, menschliche Grenzen zu überwinden, ohne sich auszubeuten oder gar zu zerbrechen? Muss ich dabei ein Ausnahme-Christ sein? Nein. Im Irak und Syrien blühen trotz des IS und andere Bedrohungen neue christliche Gemeinschaften und Gemeinden auf. Menschen in Not wird vor Ort geholfen. Viele weitere Christen in China, Nigeria und anderen Ländern vergeben ihren Feinden und riskieren tagtäglich ihr Leben für ihren Glauben (siehe auch opendoors.de). Gründet dieser nur auf Selbstsuggestion, Ego-Liebe, eros und philia? Wer gibt ihnen die Kraft, zu vergeben und etwas Neues aufzubauen, wenn sie Eltern oder Kinder verloren haben? Dass sich Menschen angesichts unendlichen Leides nicht von Gott abwenden, ihn und ihre Feinde stattdessen lieben und neuen Lebensmut gewinnen, ist für mich ein Wunder, ein übermenschliches Eingreifen Gottes.

Alexander und andere Menschen können Gott und ihre Mitmenschen „göttlich“ lieben, weil Gott sie befähigen will, „göttlich“ zu lieben. Nicht sie selbst überwinden ihre Grenzen, sie beuten sich nicht selbst aus, sondern Gott schenkt ihnen Gnade, göttliche Liebe, agape. Wir müssen uns nicht in der Angst verlieren, auf die Straße gehen und Hassparolen schreien. Wir können helfen, auch wenn wir dabei auf einen gewissen Wohlstand verzichten müssen. Ja, wir können uneigennützig lieben – weil wir göttlich geliebt werden.


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