BEDACHT - das christliche Hochschulmagazin - Christlicher Hedonismus: Warum Freude YOLO und DIY schlägt

Christlicher Hedonismus: Warum Freude YOLO und DIY schlägt

Christen sind verklemmte Moralisten, die das Beste am Leben verpassen, weil alles, was Spaß macht, Sünde ist. In unserer säkularisierten und enthemmten Gegenwart kein unübliches Bild von Gläubigen. Dass genau das Gegenteil der Fall ist, zeigt der Christliche Hedonismus: ein theologisches Konzept, das im Amerika des 18. Jahrhunderts entstand und 1986 von John Piper seinen Namen erhielt.

Da sitzen zwei miteinander an einem Tisch und streiten sich. Einer sagt etwas wie: Hauptsache Spaß haben im Leben, Happiness is the truth, YOLO (You only live once) – ich genieße, also bin ich. Der Hedonist. Der andere redet von Moral, von Verpflichtungen, man hätte schon eine Verantwortung vor Gott und den Menschen, nicht allen ginge es schließlich so gut, von nichts kommt nichts, DIY (Do it yourself) – ich leiste, also bin ich. Der Religiöse (von lat. religio: gewissenhafte Sorgfalt).

Zwei Lebensentwürfe. Beide haben recht. Und liegen doch dramatisch daneben. Da sitzen sie nun am Tisch, diskutieren und können die Lösung nicht finden.
Hedonismus 1 600©Julia Karo – Fotolia.com

Das innere Ringen

So ging es mir viele Jahre. Der Hedonist und der Religiöse saßen auch in meinem Kopf beisammen und hielten ihre Streitgespräche. Manchmal kam noch der Skeptiker dazu und schlug die Sicherheit der cartesianischen Distanz vor (Ich zweifle, also bin ich). Oder, eher selten, der passionierte Sportler (Ich fühle meinen Körper, also bin ich), der Expeditive (Ich entdecke, also bin ich), der Flaneur (Ich lustwandle, also bin ich) und sogar der Traditionalist (Ich kenne meine Wurzeln, also bin ich). Ein Kommen und Gehen an diesem runden Tisch. Aber der Hedonist und der Religiöse, die blieben immer da. Ich schätze, es hat etwas mit meiner Sozialisation zu tun. Der Hedonist ist vom Konsumverhalten, dem Individualismus und der Spaßorientierung meiner Generation Y geprägt. Der Religiöse hat nicht nur von unausgewogenen Predigten gelernt. Bei Martin Luther erfuhr ich, dass dieses religiöse Leisten, sich vor Gott beweisen, sich seine Erlösung erarbeiten wollen ohnehin schon die „Grundeinstellung“ des menschlichen Herzens sei. Wer hat nun recht? Welcher Lebensentwurf ist der bessere? Die Antwort lautet: eine gänzlich andere Kombination von beiden.

“To miss the joy is to miss all”, schrieb Robert Louis Stevenson in seinem Aufsatz “The Lantern-Bearers” (1887). Und er hat recht. Was ist ein Leben ohne Freude? Wir brauchen sie, wenn wir gut leben und nicht nur ankommen wollen. „I wanna thrive, not just arrive“, singt Jon Foreman. Freude ist die Maßeinheit, die misst, wie lebenswert das Leben ist. Aber wo können wir diese Freude finden?

Immanuel Kant war der Meinung, Gefühle wie Freude sollten keine Rolle in der Entscheidungsfindung spielen, Pflichterfüllung sei vielmehr das hohe ethische Ziel, das es anzustreben gelte. Für Rousseau war die Freude nur in der Natur zu finden, unverdorben von menschlichem Handeln. Auch Schiller schrieb in seinem berühmten Gedicht „An die Freude“: „Freude trinken alle Wesen an den Brüsten der Natur.“ Nun kann man aber nicht einfach zu den „Brüsten der Natur“ marschieren und Freude zapfen. Denn Freude ist mehr als ein nettes Gefühl, das sich unter bestimmten Bedingungen automatisch einstellt. Hier liegen Kant, Rousseau und Schiller falsch. Freude hat mehr Substanz als „Glück“ oder „Genuss“. Sie geht tiefer unter die Haut, berührt die Wände des Herzens und dringt in den Kern des Seins vor. Vom „Stich der Freude“ schreibt der Narnia-Autor und Oxforder Literaturprofessor C.S. Lewis: „Es gibt eine Art von Freude und Wundern, die einen ernst machen.“

Die Entdeckung der Lösung

Eine beeindruckende Antwort fand ich vor einiger Zeit bei einigen der größten Theologen und Philosophen der Geschichte. Und ich verdaue noch immer, was mir der „Christliche Hedonismus“, wie der amerikanische Theologe John Piper diese Denkrichtung nennt, da vorschlug. Er bestätigt: Dieses Streben nach Glück des Hedonisten, das Verlangen nach Erfüllung, nach schönen Momenten, nach Freude ist eines der tiefsten Verlangen des Menschen – und es ist gut. Es ist kein sündiges Verlangen und wir sollten ihm nicht widerstehen. Der Christliche Hedonismus bestätigt ebenso den Religiösen, den gewissenhaft Sorgfältigen: Es geht dabei auch um anderer Menschen Wohlergehen, um eine Verantwortung vor Gott, um eine Bewertung menschlichen Handelns. Und doch hat er beiden etwas zu sagen:

Dem Hedonisten sagt er, dass man die tiefste Freude nicht finden kann ohne Gott. Gott hat uns aus Freude und für Freude erschaffen und als Schöpfer kann nur Gott bestimmte Leerstellen im menschlichen Herzen füllen. Endloses Verlangen könne nur von einem endlosen Wesen – nur von Gott – gestillt werden, schrieb der Philosoph Blaise Pascal. Dieses unendliche Verlangen, das weder viel Geld, noch große Macht im Beruf, noch guter Sex, noch schöne Menschen, noch leidenschaftliche Musik füllen können, das stillt Gott, wenn wir ihn mit Freuden ehren. Und Gott ehren heißt hier, Gott kennenzulernen, ihn zu lieben und nicht nur seine Gaben zu wollen. Die Freude bekommt man nicht von Gott, sondern nur in Gott, also in einer freudvollen und freundschaftlichen Beziehung zu ihm.

Dem Religösen sagt er, dass er kein verbissenes Leben führen soll, indem er krampfhaft und freudlos versucht, Regeln einzuhalten oder das „Richtige“ zu tun. Ja, wir sollen ein gottgefälliges, ein heiliges Leben führen, ein Leben, das auf den Glauben an Jesus Christus gründet, auf Sünde verzichtet und auf den Nächsten achtet. Vernachlässigen wir dabei aber die Freude, verfehlen wir es nicht nur, Gott zu ehren, sondern auch unsere Mitmenschen zu lieben. Denn die Freude erreicht ihre größte Wirkung und ihre größte Tiefe, wenn wir sie mit anderen teilen. Geteilte Freude ist praktizierte Nächstenliebe. Wir dürfen uns freuen. Wir sollen uns freuen. Die Freude an Gott ist unsere Stärke (Nehemia 8,10).

Hedonismus 2 600©M. studio – Fotolia.comChrist zu sein, das bedeutet dann nicht, einen Gott durch gelangweilte Gebete und entsagungsvolle Taten gütig zu stimmen. Gott anzubeten, ihn zu „verherrlichen“, das heißt nicht, ihn durch traditionelle Floskeln oder asketische Körperhaltungen zu beeindrucken. Gott hat uns zur Freude erschaffen. Und während wir uns an ihm und seiner Schöpfung freuen, erfüllen wir unsere Lebensbestimmung – wir beten Gott an.  

Jonathan Edwards, ein bekannter amerikanischer Theologe und Philosoph aus dem 18. Jahrhundert, machte diese Entdeckung:

„Gott wird nicht nur dadurch verherrlicht, dass das Geschöpf seine Vollkommenheiten erkennt: Denn das Geschöpf könnte Gottes Macht und Weisheit wahrnehmen und sich dennoch nicht daran erfreuen, sondern sie vielleicht sogar verabscheuen. Diese Menschen verherrlichen Gott nicht. Gottes Verherrlichung besteht auch nicht darin, dass lediglich über seine Vollkommenheiten gesprochen wird: Denn Worte drücken nichts anderes als Gedanken aus. Daher [besteht] Gottes Verherrlichung in der Bewunderung und Freude des Geschöpfs [und] in der Freude über die Manifestation seiner Schönheit und Exzellenz. … Den Kern der Verherrlichung Gottes bildet somit die Freude des Geschöpfs über Gottes Manifestationen seiner Schönheit; das ist die Freude und das Glück, von dem wir sprechen. So sehen wir, dass es schließlich auf Folgendes hinausläuft: Das Ziel der Schöpfung ist, dass Gott das Geschöpf glücklich macht. Denn Gott schuf die Welt, damit er sich im Geschöpf verherrlichen kann und das Geschöpf sich an seiner Herrlichkeit erfreut. Wir haben aufgezeigt, dass dies dasselbe ist.“

Das Leben in Freude

Gott zu ehren und sich freuen zu können hängt also zusammen. Gott wird nicht zum „Glücksbringer“, Gott wird nicht angezapft, um meine Wünsche zu erfüllen. Vielmehr kommt es zu einer Einheit, die sich in der Praxis zeigt, im Alltag, in der Ausübung täglicher Beziehungen und Entscheidungen.

Gott anzubeten ist keine Pflicht mehr. Bibellesen und Gebet geschehen nicht aus trockener Routine, sondern aus Freude und zur Freude.

Das Leben findet aus der Ich-Zentrierung, aus dem „Ich will“ und dem „Ich muss“ zu einer wahren Öffnung für meine Mitmenschen. Nicht weil ich sie brauche, um meine Bedürfnisse zu stillen. Nicht aus Pflicht, mich um sie zu kümmern. Sondern weil ich meine Freude gefunden habe, sie immer wieder neu finde und sie teilen will.

Ist das Leben dann nur noch schön und leicht, wenn ich diese Freude in Gott gefunden habe? Nein. Aber Rückschläge, Tiefpunkte, Krankheiten, Enttäuschungen und Frust können das Leben nicht mehr komplett auseinandernehmen. Die Quelle der Freude besteht ja immer fort. Komme was wolle. Der christliche Glaube ist dann weder Pflichterfüllung noch Glückskonsum, er ist dann Lebenselixier.

David Reissmann
bloggt auf wassercraft.de

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