Vergebung ist nichts für Weicheier

Wie reagiert man als Vater eines missbrauchten und ermordeten Jungen? Viele erdrückende Gedanken muss eine Mutter haben, die auf solch eine schreckliche Weise ihren Sohn verliert. Im Herbst 2010 wurde der zehnjährige Mirco Schlitter von seinem Vergewaltiger entführt und erdrosselt. Seine Eltern müssen mit den Folgen leben. Trauer, Verbitterung, Angst und Hass – dies alles sind berechtigte Antworten auf eine solche Grausamkeit. Doch Mircos Eltern reagierten anders: Sie vergaben dem Mörder! Darf man das in solch einer Situation überhaupt?

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Vergeben und vergessen!?

Vergeben – heißt das nicht, dass ich für mein eigenes Recht nicht einstehe und alles mit mir machen lasse? Vergessen – verdränge ich da nicht meinen Ärger und Schmerz und vergifte mich innerlich selber? Das macht doch bekanntlich krank. Manches kann und darf man eben nicht vergessen.

Zunächst einmal: Vergeben heißt nicht, Erinnerungen auszulöschen oder zu unterdrücken. Manche Dinge vergisst man nicht. Doch das Vergeben befreit von der erdrückenden Macht, die die Schuld anderer auf einen ausüben kann. Wie belastend ist es, an Fehlern festzuhalten, die man selber nicht verursacht hat und nicht mehr ändern kann! Die eigene Ohnmacht wird bei jeder schmerzhaften Erinnerung neu durchlebt. Es ist schwierig, aus dieser inneren Zerrissenheit aus eigener Kraft auszubrechen.

Als ich kürzlich in eine solche ohnmächtige Unruhe geriet, machte ich eine befreiende Entdeckung. Ich begriff, dass ich ohne Gottes Vergebung in einer enttäuschenden und traurigen Situation steckenbleiben würde. Ich lernte Gottes Vergebung auf eine neue Art und Weise kennen. Gott befreit mich nämlich nicht nur von meiner eigenen Schuld, sondern will auch die Schmerzen überwinden, die mir die Schuld anderer zufügt. In der Vergebung liegt für mich also Freiheit. Durch Jesus hat Gott der menschlichen Schuld und ihren Folgen den Todesstoß versetzt. All das muss mich nicht mehr beherrschen: Meine eigene Schuld, die Schuld anderer sowie – ganz wichtig – der Schmerz darüber, der sich im Laufe des Lebens in meinem Herzen festgesetzt hat. Vergebung macht also im dreifachen Sinne frei.

Das hat nichts mit Schwachheit zu tun,sondern mit der Liebe zum eigenen Leben. Und wenn es gerade nicht sonderlich liebenswert ist, ist Vergebung der erste Schritt in die richtige Richtung. Vergebung ist vor allem möglich, weil Gott uns vergibt. Dadurch muss nichts in unserem Leben die Macht haben, uns und unsere Zukunft zu überschatten.

Wenn ich an anderen schuldig geworden bin?

Doch wenn wir ehrlich sind, sind es nicht nur die anderen, die in unserem Leben unrechte Dinge tun. Auch ich habe fälschlicherweise jemanden angeschrien, habe ihn belogen oder betrogen. Der Schmerz, den ich dem anderen zufüge, fällt auf mich zurück. Wir verletzen, die wir lieben, und fahren uns damit immer wieder selbst gegen die Wand. Gäbe es keine Vergebung, würden wir als Trümmerhaufen zurückbleiben. Doch sie befreit und lässt aus Bösem Gutes entstehen.

Vergebung hat nichts mit Vergessen, Gutheißen oder Schwäche zu tun. Sie zeugt von innerer Stärke und befreit für den Blick nach vorne. Es ist der Vergebende, der am meisten profitiert. Für diese Freiheit haben sich auch Mircos Eltern entschieden. Sandra und Reinhard Schlitter haben sich entschlossen, dem Täter zu vergeben, „auch um unsere eigenen Herzen zu entgiften“.

Julia Seidel bloggt auf Glaubensreise.de

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