BEDACHT - das christliche Hochschulmagazin - Wutprobe WG

Wutprobe WG

Ob Ersatzfamilie, Zweck-WG oder lockere Freundschaft, viele Studenten erleben die Freude und den Frust des Zusammenlebens während des Studiums. Neben Seminaren und Vorlesungen kann uns das WG-Leben auf ganz andere Weise herausfordern: Wie gehe ich mit anderen Menschen um? Über die Herausforderung, meinen Mitbewohner zu lieben wie mich selbst …
 
WG1© tatomm - Fotolia.comIch wohne in einem Haus zusammen mit vier anderen Studenten. Jeder von uns hat ein eigenes Zimmer, wir kommen gut miteinander aus und das Leben ist entspannt. Wäre da nicht … nun ja, Sören.

Ein- bis zweimal in der Woche laufe ich aus meinem Dachzimmer die Treppe hinunter und finde die Tür unseres einzigen Badezimmers verschlossen. Ich klopfe, koche Tee, warte. Mein Mitbewohner sagt mir, dass er es schon vor 20 Minuten versucht hat. Ich klopfe nochmal, rufe. Fünf Minuten später hören wir dann das Duschwasser durch die Leitungen laufen.

Immer wieder mal gibt es ungewollte WG-Treffen im Flur, bei denen ich lerne, wie die anderen mit genervten oder schmerzverzerrten Blicken aussehen. Bis endlich – „klick“ – der Türriegel aufgeht, heißer Dampf die Luft erfüllt und Sören ganz entspannt in roten Boxershorts aus dem Bad tritt. Einstündige Dusch-Sessions sind keine Seltenheit, manchmal zweimal am Tag, der Boden ist oft überflutet. Den Küchenstuhl, den er sich kurz mal „geliehen” hat, hat er nach drei Monaten und regelmäßigen Nachfragen immer noch nicht zurückgestellt. Abwasch? Lassen wir das Thema… Er verhält sich, als ob ihm die Bedürfnisse anderer völlig egal wären.

Sören ist einer der Menschen, die mich in meinem Glauben und in meiner Identität als Christ herausfordern, wenn ich an das Gebot der Nächstenliebe denke. Wie gehe ich damit um? Bleibe ich einfach weiter nett und freundlich, als wäre nichts, obwohl er mich regelmäßig aufregt? Stemple ich ihn ab als jemanden, der eben nicht weiß, wie man sich richtig verhält, der sein Leben nicht auf die Reihe kriegt, der mir moralisch und menschlich unterlegen ist und dem ich nur Mitleid oder Gleichgültigkeit entgegenbringen kann?

In unserer Gesellschaft wird die Nächstenliebe als einer der Vorzeigewerte des Christentums hochgehalten. Wie auch immer Menschen zum Christentum, zur Kirche oder zu Gott stehen, Nächstenliebe findet fast jeder gut. Doch warum? Vielleicht wegen ihrer Nähe zu den humanistischen Werten und Kants kategorischem Imperativ. Diese Denkströmungen prägen unsere Gesellschaft seit über 200 Jahren grundlegend. Ein zentraler Punkt ist die Forderung: Handle nur nach einer Maxime, die zu einem allgemeingültigen Prinzip erhoben werden kann. Liebe und Rücksicht sind gute Ideale in unserer Ethik.

WG2© fraismedia - Fotolia.comUnser Handeln als Gesellschaft und als Individuen sieht dann oft etwas anders aus. Wie reagieren wir auf globale Ungleichheit und auf ein Freihandelssystem, das koloniale Strukturen aufweist und den Westen inhärent bevorzugt? Achten wir auf Treibhausgasemissionen, die das Leben unserer Kinder und Enkel beinträchtigen werden? Es scheint leichter, Werten im Allgemeinen zuzustimmen oder etwas zu verurteilen, als in entsprechender Konsequenz zu handeln.

Doch auch auf persönlicher Ebene entsteht diese Spannung im Kontext der Nächstenliebe. Es ist nicht so leicht, jemanden zu lieben, der sich einen Dreck um deine Bedürfnisse und Interessen schert und dir mindestens einmal die Woche seine Rücksichtslosigkeit vor Augen führt. Daher lohnt es sich, der Bedeutung und dem Grund der Nächstenliebe  nachzugehen.

Was bedeutet Nächstenliebe?

Das Konzept der Nächstenliebe wird bereits in der jüdischen Thora erwähnt (Levitikus 19,18). Jesus greift es später auf und definiert es als eines der zwei zentralen Gebote des christlichen Glaubens :

„Das wichtigste Gebot ist: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der alleinige Herr. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit deinem ganzen Verstand und mit aller deiner Kraft!« An zweiter Stelle steht das Gebot: »Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!« Kein Gebot ist wichtiger als diese beiden“ (Markus 12, 29 – 31, Neue Genfer Übersetzung).

Die Nächstenliebe steht hier gleichrangig neben der Gottesliebe.  Außerdem ist sie an die Voraussetzung geknüpft, dass wir uns selbst lieben. Für manche mag das kein Thema sein, doch für die meisten ist das die grundlegende Frage: Kann ich mich selber lieben und annehmen?

Dadurch wird auch die Verbindung zur Gottesliebe klarer: Gott erträgt uns nicht einfach nur: Nein, Er hat uns gewollt und nimmt uns an, wie wir sind, ohne Fassade oder formellen Eintrittscode. Lassen wir uns das sagen, dann lernen wir auch mehr, uns selbst zu lieben, und die Liebe für Gott kann sich entwickeln. Unsere Selbstliebe ist begründet in der Liebe Gottes zu uns. Ebenso ist die Nächstenliebe in dieser Liebe Gottes begründet, die sich eben nicht nur auf mich, sondern auch auf jeden anderen Menschen bezieht.

„[Die Nächstenliebe] besteht ja darin, dass ich auch den Mitmenschen, den ich zunächst gar nicht mag oder nicht einmal kenne, von Gott her liebe. Das ist nur möglich aus der inneren Begegnung mit Gott heraus […] Dann lerne ich, diesen anderen nicht mehr bloß mit meinen Augen und Gefühlen anzusehen, sondern aus der Perspektive Jesu Christi heraus. Sein Freund ist mein Freund“ (Papst Benedikt XVI.).

Die christliche Botschaft der Nächstenliebe ist also untrennbar mit der Liebe Gottes verbunden. Warum soll ich denn meinen Nächsten überhaupt lieben, wenn der aus meiner Sicht ein Idiot ist? Eben deshalb, weil Gott nicht nur mich annimmt, sondern die Menschen um mich herum ebenso. Das beinhaltet die Menschen, die mir als Unruhestifter erscheinen, die die Dinge anders machen, die vielleicht meine Werte nicht teilen. Zugleich fordert diese Bedingungslosigkeit der Liebe Gottes mich dazu auf, die Distanz zwischen moralischem Wert und gelebter Tat zu überbrücken.

Doch wer ist überhaupt mein Nächster? Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10, 29-37) macht deutlich, dass mein Nächster im Prinzip jeder sein kann, dem ich begegne - ob er mein Bruder ist oder ein politischer Gegner. Die ganze Welt zu lieben erscheint überambitioniert, daher sind es zunächst die Mitmenschen, deren Nöte ich wahrnehme. Doch wie viel Zeit verbringe ich mit meinen Gedanken, bei meinen eigenen Bedürfnissen und wie oft achte ich auf die der Menschen um mich herum? Wie viele Ressourcen verwende ich für mich? Wie viele für andere?

WG3© malachy120 - Fotolia.comLiebe deinen Nächsten wie dich selbst: Für mich bedeutet das, dass ich zunächst einmal meine eigenen Bedürfnisse beachte und ernst nehme. Sören deutlich zu sagen, dass sein Verhalten mich stört, gehört für mich dazu. Zugleich brauche ich ihn für sein negatives Verhalten, auch wenn es anhält, nicht zu verurteilen. “Irgendwo denkt doch jeder, er ist der Beste”, sagte mir mal ein Freund. Wir sind so gut darin zu denken, dass wir besser als die anderen sind. Dabei vergessen wir, dass Gott die anderen genauso annimmt wie uns selbst und uns zur Vergebung anhält (Siehe das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht: Matthäus 18, 21-35). Nicht einmal oder zweimal, sondern immer wieder.

Sören zu lieben, heißt für mich, meine eigenen Bedürfnisse in manchen Situationen hintenanzustellen und ihm trotzdem mit Wertschätzung zu begegnen, auch wenn er mich in meiner Freiheit einschränkt. Das ist schwer, doch in dieser Annahme muss ich nicht mehr ständig genervt versuchen, ihn zu ignorieren, sondern kann in der Küche wieder offen und interessiert mit ihm reden.

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